Gerhard Retter im Deep Dive – Steiermark
Gerhard Retter gehört zu jenen Charakteren der deutschsprachigen Gastronomie und Weinwelt, deren Werdegang und Schaffen eine seltene Kombination aus innovativen Visionen, internationaler Prägung und unaufgeregter Bodenständigkeit verkörpern. Geboren 1973 in Hartberg in der Steiermark und aufgewachsen im elterlichen Gasthof, hat er die Welt der Gastlichkeit von klein auf erlebt – nicht als theoretisches Konzept, sondern als gelebte Praxis. Nach der Ausbildung zum Koch und Kellner in der Landesberufsschule für Tourismus in Bad Gleichenberg führte ihn sein Weg rasch in die absolute Spitze der europäischen Gastronomie: zu Eckart Witzigmann ins Aubergine in München, zu Frédy Girardet nach Lausanne, zu Gordon Ramsay nach London und als Maître ins Hotel Adlon in Berlin. Später prägte er als Patron die legendäre Weinbar Cordobar, später Cordo (Michelin-Stern) und die Fischerklause am Lütjensee. Seine Arbeit wurde vielfach ausgezeichnet – unter anderem als Wine Legend von Rolling Pin, als Deutscher Weinfluencer des Jahres 2023 von Vinum und mit der Wine List of the Year vom Gault&Millau. Gerhard Retter ist kein Lautsprecher, sondern ein präziser Beobachter und Vermittler. Mit der von ihm 2024 ins Leben gerufenen „Wöschmeisterschaft“ setzt er sich zudem gezielt für den Welschriesling ein – eine Rebsorte, die viele unterschätzen und die er mit der ihm eigenen Mischung aus Expertise, Humor und Respekt vor dem Eigenen wieder ins Rampenlicht rückt. Wenn jemand die Steiermark nicht nur als Herkunft, sondern als kulturelles und sensorisches System versteht, dann ist es Gerhard Retter. Und genau deshalb widmet er sich mit uns einer Region, die wie kaum eine andere steile Hänge, vielfältige Böden, klimatisches Grenzland und eine kompromisslose Qualitätskultur in sich vereint.
Geografische Lage: Die Steiermark liegt im Südosten Österreichs und bildet das grüne Herz des Landes. Die Weinbaugebiete erstrecken sich im südlichen, südwestlichen, südöstlichen und nordöstlichen Teil des Bundeslandes, südlich des Alpenhauptkamms, an der Grenze zu Slowenien im Süden und zum Burgenland im Osten. Sie liegen im Übergangsbereich zwischen illyrisch-mediterranem Klima aus Westen und Süden, pannonischen Einflüssen aus Osten und alpiner Frische aus Norden. Die Rebflächen befinden sich überwiegend in Höhenlagen zwischen etwa 250 und 600 Metern.
Größe des Gebietes: Die bewirtschaftete Weinbaufläche der Steiermark liegt bei rund 5.100 Hektar (ertragsfähige Fläche zuletzt bei etwa 4.924 Hektar). Das entspricht rund zehn Prozent der österreichischen Gesamtrebfläche und etwa sieben Prozent der nationalen Weinproduktion. Die Fläche verteilt sich auf drei DAC-Gebiete: Südsteiermark DAC (rund 2.660–2.800 Hektar), Vulkanland Steiermark DAC (rund 1.640 Hektar) und Weststeiermark DAC (rund 620–670 Hektar). Die Betriebsstruktur ist kleinteilig: Durchschnittlich bewirtschaftet ein Betrieb etwa drei Hektar, mit deutlichen regionalen Unterschieden (größere Strukturen in der Südsteiermark, sehr kleinteilig im Vulkanland). Über die Hälfte der Flächen ist Bergweinbau.
Klima: Das steirische Weinbauklima ist ein typisches Grenz- und Übergangsklima. Im Westen (nahe den Alpen) fallen durchschnittlich bis 1.200 mm Niederschlag pro Jahr, nach Osten (Vulkanland) nimmt die Menge auf rund 800 mm ab. Die Region profitiert von warmen Sommern, relativ milden Wintern und vor allem von ausgeprägten Tag-Nacht-Temperaturunterschieden im Herbst: Tagsüber intensive Sonne auf den Steilhängen, nachts kühle Fallwinde aus den Höhenlagen. Diese Diurnalität prägt Aromatik, Frische und Finesse der Weine entscheidend. Starkregen, Gewitter und gelegentlicher Hagel gehören zum Klimacharakter, ebenso wie eine zunehmende Unregelmäßigkeit der Niederschläge im Zuge des Klimawandels.
Böden: Die Steiermark verfügt über eine außergewöhnliche Bodenvielfalt mit sechs wesentlichen Typen in zahlreichen Mischformen: verwitterte Festgesteine (Schiefer und Gneis – vor allem Süd- und Weststeiermark), Vulkangestein (Tuff und Basalt – charakteristisch für das Vulkanland), Kalkgestein (fossilreiche Meeresablagerungen und Riffkalke), Opok (kalkhaltiger Mergel, der steirische Schlier – besonders in der Südsteiermark prägend), Schotter und Sand/Sandstein. Jeder Bodentyp prägt die Weine unterschiedlich: mineralische Präzision auf Schiefer/Gneis, Dichte und Würze auf Vulkanböden, Eleganz und Struktur auf Opok und Kalk.
Topografie: Die Landschaft ist geprägt von steilen, oft extrem geneigten Hängen. Mehr als die Hälfte der Flächen ist Bergweinbau; Gradienten von 40–70 Prozent und stellenweise noch steiler sind keine Seltenheit. Die Hanglagen erfordern intensive Handarbeit und machen die Bewirtschaftung aufwendig und teuer. Gleichzeitig sorgen sie für optimale Sonneneinstrahlung, gute Drainage und die charakteristischen kühlen Nachtwinde. Die steilen Terrassen und Hänge prägen das ikonische Bild der steirischen Weinlandschaft und sind ein zentrales Element des kulturellen Erbes.
Entwicklung: Die Steiermark hat sich in den letzten Jahrzehnten von einer eher regional orientierten Weinregion zu einem international anerkannten Qualitätsgebiet entwickelt, insbesondere für Sauvignon Blanc und aromatische Weißweine. Herausforderungen bleiben die kleinen Betriebsstrukturen, die hohen Kosten der Steillagenbewirtschaftung, der Klimawandel mit unregelmäßigeren Niederschlägen und Trockenperioden sowie der demografische Wandel. Gleichzeitig wächst der Anteil biologisch bewirtschafteter Flächen, die STK-Klassifikation (Erste und Große STK-Lagen) setzt Maßstäbe für terroirbetonte Spitzenweine, und die Region positioniert sich klar über Qualität statt Quantität. Die Erträge liegen im Vergleich zu vielen anderen Gebieten niedrig (historisch oft um die 4.500–5.000 Liter pro Hektar). Die jüngsten Jahrgänge zeigen sowohl die Auswirkungen von Trockenheit als auch die Fähigkeit der Region, bei günstigen Bedingungen hohe Mengen und herausragende Qualitäten zu erzielen.
Rebsorten: Die Steiermark ist ein klassisches Weißweinland (rund 80 Prozent Weißweinanteil). Sauvignon Blanc hat sich zur klaren Leitsorte entwickelt und belegt mit etwa 900–965 Hektar (rund 18–19 Prozent der Fläche) den ersten Platz – international vielfach ausgezeichnet und in den besten Lagen auf Weltklasseniveau. Danach folgen Welschriesling, Weißburgunder, Gelber Muskateller, Morillon (die steirische Bezeichnung für Chardonnay) und in der Weststeiermark der Blaue Wildbacher, aus dem der charakteristische Schilcher entsteht. Weitere wichtige Sorten sind Grauburgunder, Traminer, Riesling und in begrenztem Umfang Zweigelt. Die DAC-Sorten dominieren klar; die Region setzt bewusst auf autochthone und regional typische Sorten sowie auf die Bewahrung der Sortenvielfalt. Field Blends und experimentelle Ansätze existieren, doch der Fokus liegt auf klarer Herkunft und Sortentypizität.
Die Steiermark ist kein lautes, sondern ein präzises Weinland – steil, anspruchsvoll, vielfältig und von einer Generation von Winzerinnen und Winzern geprägt, die Handarbeit, Terroirverständnis und moderne Präzision verbinden. Mit Gerhard Retter tauchen wir tief in diese Region ein.
Gerhard Retter, Retter & Co., Romanstraße 5, 80639 München, E-Mail: contact@gerhard-retter.de
Mit herzlichen Grußworten von:
Christoph Neumeister, Weingut Neumeister Winzer, Freund und Weggefährte
Johannes Gross, Weingut Gross Winzer, Freund und Weggefährte
Sehr gerne empfehlen und verkosten wir die folgenden Weine & Weingüter:
2024 Welschriesling, Alte Reben, Weingut Sattlerhof, Gamlitz, Südsteiermark, www.sattlerhof.at __
2021 Morillon, Ried Nussberg Preschnigg, Grosse STK, Weingut Gross, Ehrenhausen, Südsteiermark www.gross.at/weingut __
Weingut Potzinger, Gabersdorf, Südsteiermark, www.potzinger.at __
2023 Sauvignon Blanc „AURON“,
Ried Schemming 2023,
GROSSE LAGE,
Vulkanland Steiermark,
Weinhof Scharl,
St. Anna,
http://www.weinhof-scharl.at
__
2025 Schilcher, Ried Lestein, Weingut Trapl, St. Stefan/Stainz, Weststeiermark, https://www.weingut-trapl.at __
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