SOMMELIER

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Die interessantesten Weinkellner unserer Zeit

Justin Leone – Sonoma im Deep Dive

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Justin Leone ist einer jener Sommeliers, bei denen man nach wenigen Minuten begreift, dass Wein für ihn weder Dekoration noch Disziplinübung ist, sondern eine Form von gelebter Aufmerksamkeit. Wer ihm zuhört, merkt sehr schnell, dass hier kein bloßer Sammler von Jahrgängen, Etiketten und Trophäen spricht, sondern ein Gastgeber mit Weltläufigkeit, Kellerinstinkt und einer ausgesprochen eigenen Handschrift. Der gebürtige Kanadier hat unter einigen der renommiertesten Namen der internationalen Spitzengastronomie gearbeitet – bei Grant Achatz’ Alinea in Chicago, bei Marcus Wareing in London und als Chef-Sommelier im Tantris in München. Dazu kommen Stationen in Burgund, wo er beinahe ein Jahr lang unter Nicolas Potel und bei Domaine de Bellene arbeitete – aus der Überzeugung heraus, dass kein Sommelier glaubwürdig über Herkunft sprechen sollte, ohne selbst Erde an den Händen gehabt zu haben. Auszeichnungen folgten nicht zufällig, sondern fast zwangsläufig: der „Prix Le Montrachet“ als bester Burgunder-Sommelier Deutschlands, 2013 der Titel „Sommelier of the Year, Germany“ durch Rolling Pin sowie in den vergangenen Jahren mehrere internationale Ehrungen rund um Weinliste und Pairing. Heute ist Leone nicht nur Autor von Just Wine, sondern vor allem die treibende Kraft hinter Sticks & Stones – A Terroir Bar by Justin Leone in München, einem Ort, der 2025 bei den World’s Best Wine Lists Awards als globale Gewinneradresse in der Kategorie Best Wine Bar List ausgezeichnet wurde. Wer ihn beschreibt, sollte deshalb vorsichtig sein mit Superlativen: Nicht, weil sie unzutreffend wären, sondern weil sie zu klein wirken könnten für eine Persönlichkeit, die Fachwissen, Energie, Musikalität und Gastgeberqualität so selbstverständlich verbindet.

Und heute widmet er sich mit uns einer Region, die nicht die lauteste, wohl aber eine der intelligentesten Weinlandschaften Nordamerikas ist: Sonoma County. Einer Gegend, die sich der bequemen Einordnung mit bewundernswerter Konsequenz verweigert. Sonoma ist nicht bloß die grüne, kühlere, freundlichere Ergänzung zu Napa. Sonoma ist ein Mosaik aus Küste, Gebirge, Tälern, Windschneisen, Nebelzonen und Wärmeinseln – eine Region, die Pinot Noir, Chardonnay, Cabernet Sauvignon, Zinfandel und Sauvignon Blanc nicht nebeneinander duldet, sondern ihnen sehr unterschiedliche, oft erstaunlich präzise Bühnen baut. Wer Kalifornien nur über Macht, Reife und Sonnenlicht versteht, übersieht hier fast alles Entscheidende. Sonoma erzählt die andere Geschichte: von Luft, Spannung, Topografie, Nachhaltigkeit und der Fähigkeit, Widersprüche in Wein zu verwandeln.

Geografische Lage: Sonoma County liegt im Norden Kaliforniens, unmittelbar nördlich der San Francisco Bay und nur rund 60 Minuten nördlich von San Francisco. Es ist eine Region, die sich geografisch jeder schlichten Zusammenfassung widersetzt: Über 50 Meilen Küstenlinie treffen hier auf Berge, Flusstäler, offene Ebenen und innere Hügellandschaften. Der Pazifik wirkt nicht nur als Kulisse, sondern als klimatischer Taktgeber; zugleich schaffen Gebirgszüge, Flusssysteme und Einschnitte wie die Petaluma Wind Gap ganz unterschiedliche Temperaturzonen auf engem Raum. Gerade diese geografische Zerrissenheit ist der Schlüssel zur Größe des Countys: Sonoma ist kein geschlossenes Tal wie Napa, sondern ein weit verzweigtes Weinland mit vielen Stimmen, Dialekten und Eigenheiten. Das erklärt, warum man dort kühl geprägte, vom Nebel geschliffene Pinot-Noir-Landschaften ebenso findet wie warme Cabernet-Herkünfte, die im Alexander Valley, Knights Valley oder auf Moon Mountain bemerkenswerte Tiefe entwickeln.

Größe des Gebietes: Sonoma County umfasst insgesamt mehr als eine Million Acres Land, nach aktueller Darstellung der Sonoma County Winegrowers sogar rund 1,1 Millionen Acres (ca. 445.000 ha), von denen knapp 60.000 Acres (ca. 24.300 ha) mit Reben bepflanzt sind. Die Region zählt heute 19 eigenständige AVAs, also offiziell abgegrenzte Herkunftsgebiete, sowie über 425 Weingüter und mehr als 1.800 Weinbauern, viele davon aus Familien, die das Land seit Generationen bewirtschaften. Diese Zahlen sind deshalb so wichtig, weil sie das eigentliche Wesen des Countys beschreiben: Sonoma ist groß genug für Vielfalt, aber immer noch kohärent genug, um als Herkunft lesbar zu bleiben. Zugleich ist Weinbau dort nur ein Teil eines größeren landwirtschaftlichen Systems – Sonoma versteht sich ausdrücklich nicht als monokulturelle Weinmaschine, sondern als agrarische Gesamtlandschaft mit hoher Diversität.

Klima: Das Klima Sonoma Countys ist eine Schule der Unterschiede. Die pazifische Kühlung ist dabei keine Randnotiz, sondern das große Ordnungsprinzip. Im Russian River Valley strömt der Nebel vom Ozean über die Petaluma Wind Gap und den durch den Russian River geformten Korridor in die Weinberge und kann die Temperatur am Abend um 35 bis 40 Grad Fahrenheit gegenüber dem Tageshöchststand absenken. Im Petaluma Gap selbst sprechen die offiziellen Angaben sogar von täglichen Schwankungen von 40 bis 50 Grad, verbunden mit starkem Wind, kleineren Erträgen und später Reife bei gleichzeitig guter Säureerhaltung. Diese dramatischen Temperaturstürze erklären, warum Sonoma in so vielen Zonen Frische konservieren kann, obwohl Kalifornien im kollektiven Gedächtnis oft nur als Ort von Sonne und Reife abgespeichert ist. Das County lebt klimatisch von diesem ständigen Aushandeln zwischen Wärme und Abkühlung, zwischen Licht und Nebel, zwischen Reife und Verzögerung. Gerade daraus entstehen die Weine, die Sonoma so eigenständig machen.

Böden: Auch unter der Oberfläche gibt sich Sonoma keine Mühe, einfach zu sein. Die Böden reichen von alluvialen Flussablagerungen über kalkhaltige und lehmige Partien bis hin zu vulkanisch geprägten Hängen und küstennahen, sandigeren oder stärker vom marinen Einfluss gezeichneten Zonen. In warmen Cabernet-Herkünften wie dem Alexander Valley, Knights Valley oder auf Moon Mountain spielen gut drainierende, oft steinigere und teils vulkanische Böden eine große Rolle; in den kühleren Pinot- und Chardonnay-Zonen des Russian River Valley, Green Valley oder Petaluma Gap kommen Böden hinzu, die in Verbindung mit Nebel und langer Vegetationsperiode andere Texturen und Reifemuster ermöglichen. Sonoma besitzt nicht den einen Bodenmythos, den man wie ein Werbeplakat vor sich hertragen könnte. Genau das macht die Region seriös: Herkunft entsteht hier nicht aus einer einzigen geologischen Schlagzeile, sondern aus der Wechselwirkung vieler Bodenbilder mit Wind, Höhe und Exposition.

Topografie: Topografisch ist Sonoma County ein Meisterkurs in Komplexität. Küstennahe, niedrigere Lagen mit starker Nebel- und Windeinwirkung stehen neben Talzonen mit deutlich mehr Wärme und Hanglagen, die durch Höhe, Exposition und Gestein einen ganz anderen Ausdruck erzeugen. Das lässt sich exemplarisch an drei Regionen ablesen: Das Russian River Valley profitiert von der offenen Verbindung zum Pazifik und bringt kühle, oft fein strukturierte Pinot Noirs und Chardonnays hervor; das Petaluma Gap kanalisiert Wind und Nebel durch eine natürlich entstandene Öffnung im Küstengebirge und erzeugt dadurch kleine Erträge, späte Reife und markante Säureprofile; wärmere Gebiete wie das Alexander Valley oder höher gelegene Cabernet-Zonen auf Moon Mountain stehen dagegen für mehr Sonnenwärme, mehr Struktur und andere phenolische Reifemuster. Sonoma ist also keine Region, in der Wein bloß wächst – Sonoma ist eine Region, in der Landschaft unmittelbar Stil diktiert.

Entwicklung: Die Geschichte Sonoma Countys ist älter, gebrochener und in vieler Hinsicht interessanter als die vieler glamouröserer Nachbarn. Schon im 19. Jahrhundert wurde dort Weinbau betrieben; moderne qualitative Impulse kamen später in Wellen. Offizielle Sonoma-Quellen erinnern daran, dass Hanzell in den frühen 1950er-Jahren Pinot Noir und Chardonnay nahe dem heutigen Moon Mountain pflanzte, dass Gail und Warren Dutton 1967 frühe Chardonnay-Parzellen im Russian River Valley setzten und Joe Rochioli Jr. 1968 Pinot Noir pflanzte. Auch für die internationale Weinwahrnehmung spielte Sonoma eine wichtigere Rolle, als häufig behauptet wird: Der berühmte Chardonnay von Chateau Montelena beim „Judgment of Paris“ 1976 stammte nicht ausschließlich aus Napa-Frucht; offizielle Sonoma-County-Quellen verweisen darauf, dass 1973 Trauben aus dem Russian River Valley und dem Alexander Valley in diesem Wein landeten. Heute entwickelt sich Sonoma erneut – allerdings unter anderen Vorzeichen. Die Region begegnet Markt- und Nachfrageveränderungen mit strategischer Neuaufstellung; Sonoma County Winegrowers formulierte Anfang 2026 ausdrücklich das Ziel, Partnerschaften zu stärken, Nachfrage aufzubauen und Sonoma County Wine aktiv weiterzuentwickeln. Parallel dazu wird Nachhaltigkeit zur zweiten großen Erzählung: 99 Prozent der Rebfläche sind nachhaltig zertifiziert, und mit der Climate Adaptation Certification arbeitet Sonoma an einer der ersten spezifischen Zertifizierungen dieser Art für die Landwirtschaft. Selbst der Jahrgang 2024 wird in den offiziellen Berichten als außergewöhnlich sauberer, qualitätsstarker Jahrgang beschrieben – mit milden Temperaturen zur Ernte, kühlen Nächten und entsprechend hoher Säurestabilität. Sonoma ist also keine Region im Stillstand, sondern eine Region, die sich unter Druck neu sortiert und dabei womöglich interessanter wird als in ihren bequemeren Jahren.

Rebsorten: Wer Sonoma auf eine Rebsorte reduziert, hat den Text nicht gelesen. Und doch gibt es innerhalb dieser Vielfalt klare Schwerpunkte. Aktuell gilt Pinot Noir als wichtigste Rebsorte des Countys nach Wert und gehört mit rund 13.024 Acres (ca. 5.270 ha) zu den entscheidenden Identitätsträgern der Region. Cabernet Sauvignon kommt laut aktuellen Sonoma-County-Angaben auf 12.373 Acres (ca. 5.010 ha) und prägt besonders die wärmeren, sonnenreicheren Zonen wie das Alexander Valley, Knights Valley, Dry Creek Valley sowie höhenbetonte Bereiche auf Moon Mountain und Sonoma Mountain. Auf der weißen Seite dominiert Chardonnay mit mehr als 15.000 Acres (ca. 6.070 ha) klar das Bild; insgesamt liegen in Sonoma derzeit etwas über 19.000 Acres (ca. 7.690 ha) weiße Rebsorten, und Sauvignon Blanc folgt mit 2.949 Acres (ca. 1.190 ha) als zweitwichtigste weiße Sorte. Hinzu kommen Pinot Gris, Viognier, Semillon, Riesling, Gewürztraminer, Muscat Blanc sowie eine lange Liste kleinerer, aber keineswegs irrelevanter Sorten. Offiziell spricht Sonoma County heute von über 66 Rebsorten. Das ist nicht bloß ein Zahlenwitz, sondern eine präzise Beschreibung der regionalen Intelligenz: Sonoma lebt davon, dass dort viele Rebsorten nicht nur wachsen, sondern sinnvoll verortet werden können. Pinot Noir und Chardonnay finden ihre große Bühne in den kühleren, vom Pazifik geprägten AVAs; Cabernet Sauvignon wirkt in den wärmeren Tälern und Bergen keineswegs wie ein Fremdkörper, sondern oft wie ein ausgesprochen regionaler Ausdruck; Sauvignon Blanc wiederum gewinnt in Sonoma eine deutlich ernsthaftere, texturreicher gedachte Rolle, als ihm viele Konsumenten zutrauen.

Justin Leone Sticks and Stones Clemensstraße 7 80803 München Telefon: 01 75 222 45 21 E-Mail: jt4wine@gmail.com

Mit herzlichen Grußworten von:

Markus Klaas, Restaurant Brothers Sommelier, Maître, Wegbegleiter & Freund

Marco Franzelin, Waldhotel Sonora Sommelier & Freund

Diese Folge von SOMMELIER – Die interessantesten Weinkellner unserer Zeit wird begleitet von durch Silvio Nitzsche ausgewählten Weinen aus dem Programm der Schlumberger Gruppe, zu der die Handelshäuser Schlumberger, Segnitz, Consigliovini und das Privatkundenportal Bremer Weinkolleg gehören.

Wir verkosten während der Episode die folgenden Weine aus dem Schlumberger-Programm:

2021 Pinot Noir Sonoma Coast, Kistler Vineyards, Sonoma Valley, Kalifornien, USA

Link für Geschäftskunden: https://is.gd/Vax8oR

Link für Privatkunden: https://is.gd/O8cXpI


2023 Sauvignon Blanc, Merry Edwards Winery, Sonoma Valley, Kalifornien, USA

Link für Geschäftskunden: https://is.gd/THkHjD

Link für Privatkunden: https://is.gd/AhDUuF

Und aus dem Weinprogramm von Kru-Weine verkosten wir den folgenden Wein:

2022 Chardonnay Zephyr Vineyard, Ceritas, Sonoma Coast, Kalifornien, USA

Link für Privatkunden: https://is.gd/X3iaCF

Geschäftskunden kontaktieren Kru-Weine bitte direkt


Und aus dem Weinprogramm der Ludwig von Kapff GmbH / Eggerssohn verkosten wir den folgenden Wein:

2019 Zinfandel Monte Rosso Gnarly Vine, Louis M. Martini, Sonoma Valley, Kalifornien, USA

Link für Privatkunden: https://is.gd/sAatnM

Geschäftskunden kontaktieren das Handelshaus Eggerssohn bitte direkt.


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