SOMMELIER

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Die interessantesten Weinkellner unserer Zeit

Maximilian Wilm – Napa Valley im Deep Dive

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Maximilian Wilm ist einer der SOMMELIERs, die ein Weinbaugebiet nicht verstehen, sondern fühlen möchten. Wer dem gebürtigen Franken bei der Arbeit zusieht, versteht, dass hier kein Karrierist am Tisch steht, sondern jemand, den die Faszination für Wein — seine Herkunft, seine Geschichte, seine sensorische Komplexität — mit einer Ehrlichkeit und Tiefe erfüllt, die sich nicht erzwingen lässt. Max ist Jahrgang 1988, aufgewachsen in der Nähe von Würzburg, und hat früh verstanden, dass ihn die Welt der Gastronomie nicht loslassen wird: Ausbildung zum Restaurantfachmann mit Stationen in Heidelberg und Berchtesgaden verschlug es ihn an die IHK München, wo er die Sommelierausbildung absolvierte. Den nächsten Schritt wagte er nach Wien, in das legendäre Palais Coburg, dessen Weinkeller zu den ikonischsten Europas zählt — ein Ort, der einen entweder demütig oder besessen macht, am besten beides. Es war Hamburg, das ihn schließlich hielt: Ein Urlaub, eine zukünftige Ehefrau, und der Entschluss, zu bleiben. Sieben Jahre lang stand er der Sommelier-Mannschaft am Süllberg vor, im Zwei-Sterne-Restaurant Seven Seas von Karlheinz Hauser — ein Haus, das ihm, wie er selbst sagt, das Vertrauen geschenkt hat, das große Sommeliers erst zu großen Sommeliers macht. 2018, gemeinsam mit Jana und Sternekoch Kirill Kinfelt, eröffnete er das Kinfelts Kitchen & Wine. 2019 gewann er die Sommelier Trophy der Sommelier-Union Deutschland und damit den Titel „Bester Sommelier Deutschlands". 2020 gewann er den DWI Sommelier Cup, 2021 wurde er vom Aral-Schlemmer Atlas als Sommelier des Jahres ausgezeichnet, repräsentierte Deutschland 2023 schließlich bei der Sommelier-Weltmeisterschaft in Paris.

Und heute widmet er sich mit uns einer Region, die wie kaum eine andere die Geschichte des Weins in zwei Hälften geteilt hat — in ein Davor und ein Danach: das Napa Valley, Nordkalifornien, das Tal, das 1976 die Weltordnung des Weins in Frage stellte und seither keine Antworten mehr schuldet.

Geografische Lage: Das Napa Valley liegt im Norden Kaliforniens, rund 90 Kilometer nordöstlich von San Francisco, eingebettet zwischen zwei parallel verlaufenden Gebirgszügen: den Mayacamas Mountains im Westen und den Vaca Mountains im Osten. Das Tal erstreckt sich von Süd nach Nord über etwa 50 Kilometer und ist dabei nur wenige Kilometer breit — ein schmales, lineares Gebilde, das trotz seiner bescheidenen Ausdehnung zu den komplexesten Weinanbaugebieten der Welt gehört. Im Süden öffnet sich das Tal zur San Pablo Bay hin, dem nördlichen Arm der San Francisco Bay, was dem Carneros-Gebiet eine ausgeprägte marine Kühle verleiht. Im Norden endet das Tal am Fuß des Mount St. Helena, der mit über 1.300 Metern wie ein natürlicher Wächter über Calistoga und das gesamte obere Valley thront. Das Napa Valley liegt geografisch vollständig im mediterranen Klimagürtel der nördlichen Hemisphäre und profitiert dabei von einer einzigartigen Konstellation aus Sonneneinstrahlung, topografischem Schutz und ozeanischem Einfluss.

Größe des Gebietes: Das Napa Valley AVA — die übergeordnete amerikanische Weinbauregion, die 1981 als erste AVA Californiens überhaupt anerkannt wurde — umfasst insgesamt rund 18.500 Hektar bepflanzte Rebfläche. Das klingt nach viel, entspricht aber gerade einmal einem Sechstel der Rebfläche des Bordelais — ein Verhältnis, das unmittelbar deutlich macht, mit welcher Konzentration und mit welchem Anspruch hier gearbeitet wird. Innerhalb dieser Fläche sind seit November 2024 insgesamt 18 federally anerkannte Sub-AVAs ausgewiesen, von denen die jüngste — Crystal Springs of Napa Valley — erst kürzlich offiziell bestätigt wurde und damit die erste neue AVA der Region seit über einem Jahrzehnt darstellt. Über 450 Weingüter sind heute im Napa Valley aktiv, 95 Prozent von ihnen in Familienbesitz — ein Gegenbild zur oft angenommenen Konzernlandschaft und ein Beweis dafür, dass hier Identität und Handschrift noch ihren Platz behalten.

Klima: Das Klima des Napa Valley ist mediterranen Charakters — heiße, trockene Sommer, milde, regenreiche Winter, und eine Vegetationsperiode, die von einer außergewöhnlich langen Reifezeit profitiert. Was das Valley dabei von anderen Weinregionen mit ähnlichem Makroklima unterscheidet, ist die dramatische Vielfalt seiner Mesoklimate: Der Schlüsselmechanismus ist die sogenannte marine Luftbewegung — kalte Luft, die durch die Golden Gate und über die San Pablo Bay ins Inland gezogen wird und täglich als Nebel und kühle Brise ins südliche Napa Valley einströmt. Dieser Effekt sorgt dafür, dass die Carneros-Region im Süden zu den kühlsten Subregionen Nordkaliforniens gehört, während Calistoga im Norden zu den wärmsten Punkten des gesamten Valleys zählt, mit Spitzentemperaturen, die im Hochsommer regelmäßig 40 Grad Celsius erreichen. Das Entscheidende ist dabei nicht die Tageshitze, sondern die diurnale Temperaturschwankung: Kühle Nächte und abendliche Brisen sorgen dafür, dass die Trauben zwar Reife entwickeln, aber gleichzeitig ihre Säurestruktur bewahren — eine Kombination, die den besten Napa-Weinen ihre charakteristische Balance aus Fruchtfülle und Frische verleiht.

Böden: Kaum eine Weinregion der Welt verfügt über eine größere Bodenvielfalt als das Napa Valley — Geologen haben über 100 verschiedene Bodentypen identifiziert, eine Konsequenz der turbulenten tektonischen Geschichte dieser Region über 140 Millionen Jahre. Der grundlegende Unterschied besteht zwischen den Böden der Talsohle und denen der umliegenden Bergregionen: Auf dem Talboden dominieren alluviale Ablagerungen, die der Napa River über Jahrtausende aus den umliegenden Gebirgen herantransportiert hat — Kiesschotter, Lehmböden, Sandböden, je nach Lage unterschiedlich strukturiert. Die Rutherford Bench, vielleicht das berühmteste Terroirkonzept des gesamten Valleys, ist ein solcher alluvialer Schotterfächer am Fuß der Mayacamas Mountains, der für Cabernet Sauvignons von unnachahmlicher Tiefe und einer typischen Staubigkeit bekannt ist, die Weinmacher als „Rutherford Dust" bezeichnen. In den Bergregionen hingegen prägen vulkanische Gesteine das Bild: Obsidian, Basalt, andesitisches Gestein, Lava und Vulkanasche sind die Muttergesteine von AVAs wie Diamond Mountain, Atlas Peak oder Howell Mountain. Diese Böden sind arm, gut drainiert, zwingen die Reben zu tiefem Wurzelwerk und sorgen für Weine von konzentrierter Intensität und feiner Mineralik. Im Süden, in Los Carneros, kommen marine Tonböden hinzu — flach, schwer, ideal für Pinot Noir und Chardonnay.

Topografie: Das Napa Valley ist in seiner Grundstruktur ein schmales, von zwei Bergketten eingerahmtes Längstal, dessen Topografie jedoch nichts weniger ist als eine Schule der Vielfalt. Die Mayacamas Mountains im Westen, aus denen Appellationen wie Spring Mountain, Diamond Mountain und Mount Veeder herausragen, formen auf ihren steilen, felsigen Hängen kleine, von Wäldern umgebene Weinbergsparzellen, die aufgrund extremer Neigung und flacher Böden zu niedrigen Erträgen und hochkonzentrierten Früchten führen. Die Vaca Mountains im Osten sind geologisch deutlich jünger und vulkanisch geprägter — ihre bekannteste Unterpellation, Atlas Peak, liegt in Höhen zwischen 230 und fast 800 Metern und produziert Weine von schneidender Struktur. Dazwischen liegt die Talsohle, die sich vom Meeresspiegel im Süden auf rund 110 Meter Höhe in Calistoga im Norden erstreckt — flach genug für Weinbau im großen Maßstab, durch die alluvialen Böden und den starken Tagestemperaturunterschied aber keineswegs ein Ort, dem Terroir fehlt. Die unterschiedlichen Expositionen, Höhenlagen und Windbedingungen in diesem verhältnismäßig kleinen Gebiet ermöglichen eine Stilvielfalt, die europäischen Regionen zigfacher Größe Respekt abringen dürfte.

Entwicklung: Die Geschichte des Napa Valley als Weinregion beginnt in den 1830er Jahren mit ersten Pflanzungen durch die Siedler, erlebt im späten 19. Jahrhundert eine erste goldene Epoche mit fast 200 Weingütern — und wird dann von Reblaus, Prohibition und den Weltkriegen dezimiert, bis die Region beinahe in Vergessenheit gerät. Was folgt, ist eine der bemerkenswertesten Wiedergeburten in der Geschichte des Weins: Robert Mondavi, der 1966 das erste bedeutende neue Weingut der Region nach der Prohibition eröffnete, wird zum Katalysator einer ganzen Bewegung. Mit ihm kamen Investitionen in Technik, Eichenfass und Weinbergsphilosophie — und 1976 dann der Moment, der alles veränderte.

Am 24. Mai 1976 organisierte der britische Weinhändler Steven Spurrier in Paris eine Blindverkostung, die als „Judgment of Paris" in die Weingeschichte eingehen sollte: Zwölf der besten französischen Wein-Expertinnen und Experten verkosteten acht Cabernet Sauvignons und acht Chardonnays — und platzierten, ohne es zu wissen, in beiden Kategorien einen Napa Valley-Wein auf dem ersten Platz. Der 1973er Stag's Leap Wine Cellars Cabernet Sauvignon schlug Mouton-Rothschild und Haut-Brion, der 1973er Chateau Montelena Chardonnay ließ die besten weißen Burgunder hinter sich. Die Weinindustrie war erschüttert, Frankreich schwieg, und Napa Valley erwachte auf der Weltbühne. Vor dieser Verkostung zählte die Region rund 67 Weingüter — heute sind es über 450. Im Jahr 2026, in dem diese Folge entsteht, jährt sich das Ereignis zum 50. Mal — ein Jubiläum, das die Region mit zahlreichen Veranstaltungen begeht und das einen idealen Anlass bietet, die Frage zu stellen, was aus dem Versprechen von 1976 geworden ist.

Doch das Napa Valley steht heute nicht nur auf dem Gipfel seines Ruhms — es steht auch vor ernsthaften Herausforderungen. Wiederkehrende Waldbrände, von denen die Brände der Jahre 2017 und 2020 besonders verheerende Schäden anrichteten, bedrohen nicht nur Weinberge und Gebäude, sondern auch die Qualität der Ernten durch den gefürchteten „Smoke Taint" — eine durch Rauch verursachte sensorische Beeinträchtigung der Beeren. Der Klimawandel verschärft die Situation: steigende Durchschnittstemperaturen, längere Trockenphasen und der Druck auf Wasserressourcen gehören zu den strukturellen Problemen der Region. Gleichzeitig reagieren viele Betriebe mit Investitionen in nachhaltigere Weinbergsbewirtschaftung, Dry Farming, der Suche nach geeigneteren Höhenlagen und resistenteren Klonen — und mit einer neuen Bescheidenheit, die das Napa Valley vielleicht interessanter macht als in seinen selbstgewissesten Jahrzehnten.

Rebsorten: Das Napa Valley ist, mehr als jede andere Weinregion Nordamerikas, ein Gebiet, das seine Identität durch eine einzige Rebsorte definiert hat: Cabernet Sauvignon. Die Rotweinkönigin aus dem Bordelais fand in den alluvialen Kiesböden der Talmitte, in den vulkanischen Bergterrassen und dem goldenen Sonnenlicht Nordkaliforniens eine zweite Heimat — und machte sie in wenigen Jahrzehnten zu einer der begehrtesten Adressen der Weinwelt. Doch die Vielfalt geht weit darüber hinaus: Merlot, Cabernet Franc, Malbec und Petit Verdot komplettieren die Bordeaux-Palette und finden in verschiedenen Sub-AVAs jeweils unterschiedlich ausgeprägte Ausdrucksformen. Zinfandel, Californiens rotes Erbe, ist in einigen Teilen des Valleys noch immer präsent und erinnert an die frühe Geschichte des Weinbaus. Bei den Weißweinen ist es vor allem Chardonnay, der nach dem Triumph der Chateau Montelena 1973 in Paris einen beispiellosen Aufschwung erlebte und bis heute die weiße Leitsorte des Valleys darstellt — in einer breiten Stilpalette von butterig-opulent bis kühl-mineral, je nach Appellation und Weinmacherhaltung. Sauvignon Blanc, Pinot Gris und in den kühleren Südregionen auch Pinot Noir ergänzen das Sortiment, wobei gerade Pinot Noir in Carneros eine genuine, ernstzunehmende Heimat gefunden hat.

Maximilian Wilm Am Kaiserkai 56 20457 Hamburg Telefon: 040-30068369 E-Mail: info@kinfelts.de

Mit herzlichen Grußworten von:

Christoph Strahl, Restaurant Vêndome – Bergisch Gladbach Mâitre und Freund

Torsten Junker, Wein am Limit - Hamburg Sommelier, Weinhändler & Freund

Diese Folge von SOMMELIER – Die interessantesten Mundschenke unserer Zeit wird begleitet von durch Silvio Nitzsche ausgewählten Weinen aus dem Programm der Schlumberger Gruppe, zu der die Handelshäuser Schlumberger, Segnitz, Consigliovini und das Privatkundenportal Bremer Weinkolleg gehören.

Wir verkosten während der Episode den folgenden Wein aus dem Schlumberger-Programm:

2020 Dominus, Dominus Estate Napa Valley Kalifornien USA

Link für Geschäftskunden: https://is.gd/15MPRm

Link für Privatkunden: https://is.gd/pHY3on


2023 Sauvignon Blanc Spottswoode Winery Napa Valley Kalifornien USA

Link für Geschäftskunden: https://is.gd/NgswgJ

Link für Privatkunden: https://is.gd/XeBX5A


Und aus dem Weinprogramm von Wein am Limit verkosten wir die folgenden Weine:

2024 Charonnay “Watson Ranch” Arnot Roberts Winery Napa Valley Kalifornien USA

Link für Privatkunden: https://is.gd/e4fT8u

Geschäftskunden kontaktieren Wein am Limit bitte direkt


2021 Cabernet Sauvignon Matthiasson Winery Napa Valley Kalifornien USA

Link für Privatkunden: https://is.gd/VR0nju

Geschäftskunden kontaktieren Wein am Limit bitte direkt.


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